Fünf Jahre CrossFit Kids Mainz

Die Facebook-Erinnerungsfunktion hat das getan, was ihre Aufgabe ist, und mich daran erinnert, dass ich vor gut fünf Jahren nach Nord-Irland geflogen bin, um CrossFit Kids Trainerin zu werden. Vor fünf Jahren hat es begonnen und auf 50 Fotos hängen im Flur der Box die Ergebnisse. 50 Kinder. Fünfzig. So viele Kids und Teens besuchen zur Zeit unsere Kurse. Ist das zu fassen? Das ist es irgendwie nicht.
Nach dem Kids-Kurs in Belfast sind wir mit einer Handvoll Kids gestartet, eigentlich fast alles Eigengewächse unserer Mitglieder und Trainer. Dann wurden es immer mehr, es kamen immer mehr Kinder, deren Eltern gar keinen Bezug zu CrossFit hatten. Und beides ist ein tolles Gefühl. Ich bin den CFMZ-Eltern unglaublich dankbar, dass sie mir von Anfang an ihre Kinder anvertraut haben – selbst als ich ungefähr dreimal täglich sagte, dass ich eigentlich gar keine Kinder mag. Irgendwie wussten die es besser. Ich bin aber auch sehr glücklich, dass völlig Fremde mir ihre Kinder anvertrauen – selbst wenn sie gar nicht wissen, was ich täglich dreimal sage, weil sie mich gar nicht kennen.
In den fünf Jahren habe ich natürlich deutlich mehr als diese 50 Kinder kennengelernt, das ist der momentane Höchststand. Einige Kinder sind unterwegs verloren gegangen, haben andere Hobbys für sich entdeckt, musste sich dem Leistungsdruck der Schule beugen oder sind schlicht Erwachsenen-Problemen zum Opfer gefallen. Dafür kamen neue dazu, Kinder, von denen ich dachte, dass sie nicht lange bleiben würden. Aber sie alle haben bei uns etwas gefunden, was sie begleitet, in ihrer Entwicklung, sportlich und menschlich. Und gerade die sind die, die in Erinnerung bleiben. Denen ich in Erinnerung bleiben will. Einige Kinder kenne ich seit über fünf Jahren. Aus Kindern sind Teenager geworden.
Viele haben sich im Kids-Kurs in Teilen neu erfunden. Haben Selbstbewusstsein gelernt, haben Talente entdeckt und gelernt, dass Schwächen keine Schande und nichts zum Verbergen sind, sondern dass man gemeinsam daran arbeitet und dass sich das lohnt. Sie haben Freundschaften geschlossen, Verantwortung für andere übernommen, sich in Wettkämpfen beweisen können. Sie haben einen Ausgleich zur Schule gefunden, konnten ihren Eltern zeigen, was in ihnen steckt, sind eigene Wege gegangen oder konnten diesen Sport mit ihren Eltern teilen. Sie haben offen und hart an sich und für sich gearbeitet, mussten sich nie schämen, wie oder wer sie sind. Sie haben tolle Vorbilder gefunden und sind selbst zu welchen geworden. Und ich? Ich habe etwas gefunden, von dem ich nie gewusst habe, wie sehr es mein Herz und meine Seele erfüllen würde. Ich mag immer noch keine Kinder. Aber ich mag diese Kinder. Meine CrossFit-Kinder…
Oktober 2018

Rückblick auf drei Jahre CrossFit Kids Mainz

In dieser Zeit ist viel passiert. Manche Kinder sind seit der ersten Stunde dabei, haben unglaubliche Fortschritt in ihrer Bewegungsqualität, ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Mensch-Sein gemacht. Es ist unglaublich, das als Trainerin beobachten und begleiten zu dürfen. Bei Erwachsenen können wir als Trainer nur noch korrigierend eingreifen, die Kids kann man von Anfang an begleiten und lenken. Das ist eine große Verantwortung und das wurde mir nicht nur bewusst, als eine Zweieinhalbjährige auf einmal anfing, Wörter zu sagen, die ich anscheinend etwas zu oft für Kinder benutze…

Einige Kinder sind unterwegs verloren gegangen, egal, wie sehr ich sie mochte und wie sehr ich ihr Bestes wollte. Sie haben in einem anderen Sport ihre große Leidenschaft gefunden, haben sich für andere Hobbies entschieden oder mussten sich dem Leistungsdruck der Schule beugen. Einige konnten dem Umzug nach Wörrstadt nicht begleiten, andere fielen Erwachsenen-Problemen zum Opfer und gingen den CFMZ-Kids verloren. Manche kamen zum Probetraining, waren hellauf begeistert und kamen doch nie wieder. Lag es am CrossFit? An mir? Jedes Kind, egal, wie oft oder wie lange es im Kids-Kurs war, gibt einem etwas mit – Zuversicht, Zweifel, Glück, Stolz, Zufriedenheit. Selbstreflektion an zwei Nachmittagen, die Kids spiegeln alles wieder.

Manche überraschen ihre eigenen Eltern, scheinen sich im Kids-Kurs neu zu erfinden. Ich lerne sie gleich so kennen, vielleicht gefällt ihnen das, obwohl sie sich dessen nicht bewusst sind. Schlechte Noten, Streit zuhause oder mit Freunden – im CrossFit ist es einfach: eine Stunde nicht grübeln, hart an sich arbeiten und besser fühlen. Hier weiß keiner, wer sie außerhalb dieser vier Wände sind. Hier können sie Wonderwoman oder Superman sein. Teamgeist wird groß geschrieben, zwischen Jungs und Mädchen, zwischen Dreijährigen und Teenagern. CrossFit Family, so abgenutzt wie der Begriff mittlerweile ist, nirgendwo trifft er so sehr zu wie im Kids-Kurs. Hier haben sich Freundschaften und eine verschworene Gemeinschaft gebildet. We are more than just Thruster and Burpees!

CrossFit Kids Kurs in Belfast

Die Vorfreude auf den CrossFit Kids Course in Belfast war riesig. Und wurde durchwachsener, je näher das Wochenende kam. Ich war aufgeregt. Alleine fliegen, mit Umsteigen und auf dem Rückweg einer Nacht auf dem Flughafen. Was, wenn ich die Box nicht finde? Unterwegs verloren gehe? Wenn mich alle doof finden? Aber rumjammern hilft nicht, also freute ich mich doch wieder.
Ganz früh am Freitag fliege ich von Frankfurt nach London. Das klappt schon mal. Ich gehe nicht verloren und doof fand mich nur der Japaner im Sitz neben mir, aber das galt wohl eher meinem riesigen Rucksack. Ich finde ihn ja auch doof – den Rucksack, nicht den Japaner -, aber ich fliege nur mit Handgepäck, denn eingechecktes Gepäck könnte – richtig – verloren gehen. In London habe ich anderthalb Stunden Zeit zum Umsteigen in das Flugzeug nach Belfast. Gemütlich, denke ich, doch in London sind die Sicherheitsbestimmungen immens. Zwei biometrische Fotos, viermaliges Durchleuchten des Gepäcks, fünfmal Pass vorzeigen und zwei Plastiktüten um den Hustensaft später komme ich gerade noch rechtzeitig zum Boarding. In Nord-Irland ist das Wetter super, kein Regen, sondern Sonne. Wer hat eigentlich das Gerücht vom ständigen Regen auf der Insel in die Welt gesetzt?
Ich bin nicht verloren gegangen und bin auf die Busfahrt in die Stadt optimal vorbereitet. Buslinie rausgesucht, Preis nachgeguckt, Geld umgetauscht und abgezählt. Leider hat Belfast zwei Flughäfen. Das hier ist der andere. Ich komme trotzdem an, das Hotel ist gut und ich mache einen Spaziergang. Die Box finde ich direkt, man folge einfach den tätowierten Kerlen in Nano-Schuhen. Als ich so durch Belfast laufe, freue ich mich dann wieder riesig, dass ich hier bin. Am nächsten Morgen, als sich alle 25 Teilnehmer des Kurses in der Box treffen, stellt sich schnell heraus: Es sind alles Englisch-Muttersprachler, außer mir, Gijs aus Holland und Marvin aus Frankreich. Das, was die Nord-Iren Eamon und Paddy (die hießen wirklich so) sprechen, geht gerade noch so als Englisch durch. Gleich zu Beginn lerne ich Anna aus Stockholm und Sophie aus England kennen. Beide sind nett und wir verbringen viel Zeit am Wochenende zusammen. Ich bin erleichtert. Anna hat übrigens ihren L1 in Singapur gemacht – sie reist halt gerne.
Der Seminar-Staff ist wie bei allen CrossFit-Kursen, von denen ich gehört habe, sensationell. Unser Headcoach ist John, der in der Nähe von Denver lebt (er muss nur sechs Stunden dorthin fahren). Als Anna, Sophie und ich ihn kennenlernen, finde ich ihn anstrengend, denn John findet alles „amazing“ (die Tatsache, dass Sophies Mann nächste Woche ein Affiliate in Heresford eröffnet), „awesome“ (die Tatsache, dass Anna mit ihrem Mann bereits seit zwei Jahren ein Affiliate in Uppsala hat) und „great“ (die Tatsache, dass weder ich noch mein Freund ein Affiliate haben). Aber er ist großartig und kann tolle Geschichten erzählen. Er ist wirklich lustig. Dann haben wir die Martin-Brüder, die Posterboys von CrossFit Kids. Connor, 22, und Keegan, 20, sind aus Süd-Kalifornien und echte CrossFit-Produkte. Ihre Eltern Jeff und Mikki eröffneten das weltweit fünfte Affiliate (CrossFit Brand X) und haben CrossFit Kids erfunden. Connor und Keegan machen seit etwa zehn Jahren CrossFit, haben vor vier Jahren an den Games teilgenommen und bewegen Gewichte, dass einem ganz schwurbelig wird. Jetzt sind sie im Seminar-Staff und ihr ganzes Leben dreht sich um CrossFit. Und man könnte sie glatt auf die Hollister-Einkaufstaschen drucken. Dann haben wir noch Erik, der neu im internationalen Team ist und meistens wie ein angepisster Marine-Officer guckt, selbst wenn er Witze macht. Als er am Sonntag Shorts trägt, stelle ich außerdem fest, dass er die stämmigsten Waden hat, die ich je bei einem Sportler gesehen habe. Der erste Tag ist super, wir tragen alle Nanos, wir lieben CrossFit und die vier Jungs vermitteln echte Begeisterung. Wir lachen, lernen viel, bewegen uns und es ist einfach großartig. Bereits zur Mittagspause fühle ich mich wie frisch verliebt. Verliebt in die Tatsache, dass ich hier bin, verliebt in unsere Coaches und ihre Begeisterung, verliebt in CrossFit. Ein toller Tag und als ich abends nach dem riesigsten Burger meines Lebens im Hotelbett liege, kommt mein Hirn nicht zur Ruhe. Es redet ständig über CrossFit. Und es spricht englisch. Argh. Shut ut!
Am Sonntag geht es fantastisch weiter. In kleinen Gruppen üben wir, eine Horde Kinder zu trainieren – vor einer Gruppe Erwachsener fühlt man sich etwas gehemmt, so zu tun, als seien die Ellenbogen beim FrontSquat Lasergeräte, aber spätestens als Gijs aus Holland uns testweise auf Niederländisch unterrichtet und sagt, Katie aus Bristol müsse ihre Hoepen (gesprochen wie Huupen) mehr bewegen, finde ich’s ziemlich lustig. Bin aber auch die einzige – da entgeht den Englisch-Muttersprachler ein ganz schön witziger Moment mit flachem Humor! Es ging übrigens um Katies Hüften. Wir lernen tolle Tipps für die wichtigsten Bewegungen und Progressions für HandstandPushups und Pullups. Natürlich laufe ich gegen eine Stange am Pullup-Rack und habe die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Teilnehmer und Coaches. Traumhaft. Wenigstens blute ich nicht. Ich bin erleichtert, als zwei Minuten später Jen aus Manchester das Gleiche passiert. Puh.
Der zweite Tag geht unglaublich schnell vorüber, was mich unglaublich traurig macht. Ich habe zwei Tage lang an nichts anderes gedacht als an CrossFit, habe CrossFit geatmet und bin total high. Zwei Tage im Rausch. Als wir uns von John, Erik, Connor und Keegan verabschieden und als Anna und ich uns vor der Busstation umarmen, habe ich einen Kloß im Hals. Albern, ich weiß. Aber hätte ich die Möglichkeit, ich würde da bleiben und würde noch ein paar Tage in der CrossFit-Welt verbringen. In der Nacht am Flughafen in London erweist sich, dass die Sorgen meiner Mutter unbegründet waren. Ich verlasse das Terminal nicht, mir klaut kleiner im Schlaf die Handtasche oder die Hose. Ich schlafe gar nicht. Ich gucke auf meinem iPad CrossFit-Videos. Die ganze Nacht. Es gibt so viel zum Nachdenken, ich habe viel gelernt und erfahren, wieder tolle Leute kennengelernt und bereits die ersten Freundschaftsanfragen über Facebook verschickt und beantwortet. Ich freue mich auf Zuhause, auf unsere CrossFit-Welt. Und doch bin ich irgendwie leer und traurig. Es ist ein bisschen wie nach einem Ferienlager. Da will man ja auch nie nach Hause zurück. Auf dem Rückflug von London nach Frankfurt fliege ich mit dem A380, das erste Mal in meinem Leben, ein kleines Detail an dem diesem grandiosen Wochenende. Es ist toll. Und irgendwann, in diesem rüttel- und schüttelfreien Flugzeug, tausende Meter über dem Nordatlantik, als die Sonne aufgeht, finde ich mein Leben gerade perfekt.

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten